Klaus Kunze

Kategorie: Philosophie Seite 15 von 23

Die Feuer des Fanatismus brennen schon

Wer bist du? oder Was bist du?

Einer afp-Meldung zufolge hält eine Mehrheit von 61% unsere Gesellschaft für zerrüttet und sieht eine „Spaltung der Gesellschaft“.[1] Zwei Lager scheinen sich in einem geistigen Bürgerkrieg unversöhnlich gegenüberzustehen. Sprachlos und sich mißverstehend beargwöhnen sich nicht nur in Deutschland zwei geistige Strömungen. Doch nur wer seinen Gegner durch und durch verstanden und begriffen hat, vermag ihm standzuhalten.

Der Soziologe nickt wissend und zeigt seine Statistiken vor. Die geistigen Strömungen von Stadt und Land, manchmal von mehr oder weniger wohlhabend oder gebildet, fließen oft in unterschiedliche Meere. Der Politologe erklärt uns dann gern, zu welchen verschiedenen Gesellschaftsmodellen die geistigen Grundströmungen führen können. Aber alle diese Disziplinen sind nicht hilfreicher als eine Biologie in ihren Kinderschuhen, die Elefanten und Hamster für „gleich“ hält, weil beide Pflanzen-Freßsäcke sind, unterschieden nur, weil der eine in Afrika wohnt, der andere in Deutschland. Weiterlesen

Herrscher der Begriffe

Unsere schöne neue Welt enthält ein Universum schöner Begriffe wie Humanismus, Gerechtigkeit, Demokratie, Teilhabe, Wahrheit, Gleichberechtigung, Klimarettung, fairer Handel, Friede, Freude und Eierkuchen für alle. Alle diese schönen Worte sind leider, funktional gesehen, nur die Nasenringe, an denen man die Masse durch die Arena führt und wie einen Zirkusbären für sich tanzen läßt.

Ob diese Lehren ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sind, ist für die Welt der politischen Geschichte eine Frage ohne Sinn. Die ‚Widerlegung‘ etwa des Marxismus gehört in den Bereich akademischer Erörterungen oder der öffentlichen Debatten, wo jeder recht hat und die anderen immer unrecht. Ob sie wirksam sind, seit wann und für wie lange der Glaube, die Wirklichkeit nach einem Gedankensystem verbessern zu können, überhaupt eine Macht ist, mit der Politik zu rechnen hat, darauf kommt es an.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S.1352.
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Wie die Lüge zur Wahrheit wird

„Wahrheit“ aus der Retorte

Wahrheit kann man heute machen, kann sie erzeugen und herstellen wie ein Produkt. In nie gekanntem Ausmaß bemächtigen Medien sich unserer Gehirne und installieren in ihnen eine Art Matrix vollendeter Fehlwahrnehmung. Sie läßt uns Dinge sehen, die in der Realität gar nicht existieren.

Auf der Plattform gettr.com las ich heute einen Nutzerbeitrag: „Wenn man Radio, Presse, Schule, Kirche, Kunst, Wissenschaft und Film kontrolliert, kann man jede Wahrheit in eine Lüge verwandeln, jeden Unsinn in Vernunft.“ Der anonyme Nutzer namens „Wahrheitssuche“ hat Recht.

Indem Millionen Deutsche wenigstens medial mit Mitgefühl und Sorge das Schicksal unserer Landsleuten in der Eifel verfolgen, baute sich ein uns fremd gewordenes Band der Solidarität auf.  Unzählige Menschen sahen die Helfer-Kolonnen aus allen Himmelsrichtungen in die Flutgebiete rollen. Am liebsten wäre jedermann mitgerollt, um aus tiefstem Gefühl der Verbundenheit mitzuhelfen. Weiterlesen

Haben wir eine neue Metaphysik nötig?

Nur die legitime Herrschaft ist stabil. Solange sie nach Meinung der Bürger mit höheren Gesetzen unserer Existenz in Einklang steht, nehmen sie jede Bedrückung hin: sie lassen sich murrend aber willig durch Steuern und Abgaben auspressen wie Zitronen. Allzeit bußfertig schämen sie sich sogar ihrer Selbstzweifel. Mängel lasten sie nicht dem System an, sondern erklären sie sich durch menschliches Versagen: bedauerliche Einzelfälle.

Demütig neigen sie ihr Haupt in Ritualen und Gedenkstunden. Am Ende werden sie sich sogar per Regierungsdekret auflösen und abschaffen lassen. Der bunte Ersatz steht schon bereit.

Der Fromme hatte einst demütig sein Knie gebeugt in jener alten Zeit, als ein allmächtiger Gott das Universum zu regieren schien und ein Monarch von Gottes Gnaden sein irdisches Reich. Bereitwillig ertragen Moslems eine Herrschaft, wenn sie die Gesetze Allahs verwirklicht. Doch wehe, wenn der Glaube wankt! Weiterlesen

Unsere Weltbild-Konstrukteure

Wahltag in Sachsen-Anhalt

Wenn heute die Bürger meines Geburtslandes Sachsen-Anhalt an die Wahlurnen gehen, entscheiden sie vielfach aufgrund eines feststehenden Weltbildes. Tief sitzende Urteile und Vorurteile bestimmen die Wahlentscheidung stärker als die Zu- oder Abneigung zu einem der wechselnden Politiker, die von ihren Parteien ins Schaufenster gestellt werden.

Da macht man dann sein Kreuzchen vielleicht bei einer Partei, weil Vater und Opa schon für sie waren. Da sieht man auch mal über Korruptions- und Maskenskandale hinweg und wählt die Union, weil sie sich halt christlich gibt. Da nimmt man die Hochstapeleien der derzeitigen grünen Galionsfigur mit ihrem Lebenslauf hin, schließlich will man das Weltklima retten.

Die Weltbild-Konstrukteure

Ein Weltbild erwirbt man nicht über Nacht. Es bildet sich schon in der Kindheit und führt zu Erwartungshaltungen auf tiefer psychischer Ebene. Wer sich nichts zutraut und ständig Versorgung und Fütterung aus fremder Hand erwartet wie ein Nesthocker, wird den Staat als mütterliche Versorgungsanstalt empfinden, in der es aber „gerecht“ zugehen soll. Weiterlesen

Mit Ernst Jünger den Schmerz hinter sich lassen

Die Geschichte ist tot – wir auch?

Die Geschichte ist tot; das erleichtert den historischen Rückblick und hält ihn von Vorurteilen frei; jdenfalls für jene, die den Schmerz erlitten und hinter sich gebracht haben.[1]

Ernst Jünger (1895-1998), Eumeswil, 1977, S.382.

Hohes Alter bildet eine gute Vorbedingung für Altersweisheit. Es reicht aber allein nicht hin: Der Schmerz muß hinzutreten. Es ist ein Verlustschmerz:

Oh weh, wohin sind verschwunden alle meine Jahr‘?
Hab ich mein Leben geträumet, oder ist es wahr?[2]

Walter von der Vogelweide um 1227

„Leute und Land,“ empfand schon der alte Minnedichter, wie er von „Kindesbeinen erzogen“, waren ihm fremd geworden, „recht als sei es gelogen.“ Sein „Unglück wurde groß“, denn er fand seine gewohnte, normale Welt nicht wieder.

Sie kehrte auch niemals wieder, ebensowenig wie für Ernst Jünger. Für Kaiser und Reich war er 1914 ausgezogen. Weiterlesen

Geliebte Identität oder neurotischer Selbsthaß?

Das Aufgeben der eigenen Identität

Lange hatte Boris auch in der Berufsschule seinen blau-weißen Schalke-Schal mit Stolz getragen. Doch jetzt geriet es ihm täglich zu einem Spießrutenlaufen. Die Jungs aus den benachbarten Dortmunder Siedlungen waren Borussia-Fans und hänselten ihn: „Absteiger!“

Schließlich gab er auf. Der Segen war zum Fluch geworden. Das Selbstwertgefühl wuchs nicht mehr in der Gewißheit, einer ruhmreichen Siegermannschaft anzugehören. Boris gab seine Schalker Identität auf und war nur noch Boris, Kind einer entwurzelten Einwandererfamilie.

Identität stiftende Angebote für Entwurzelte gibt es überall, von Fußball-Ultras bis hin zur Antifa. Sie lassen ihre Anhänger sich einem mächtigen Ganzen angehörig fühlen und ihre Identität prägen. Sie nehmen teil an der Gemeinschaft aller, erkennbar zum Beispiel an blau-weißen Schals. Sieg und Niederlage aller werden zu Sieg und Niederlage auch für den Einzelnen.

Der skeptische Blick

Wer emotional unbeteiligt außen steht, hat hinreichend Stoff für Witz und Persiflage wie der Erfolgsautor Walter Moers:

Ich wußte zum Beispiel, daß es so etwas wie kollektiven Egoismus gibt, der Solidarititis genannt wird, obwohl das eigentlich ein Widerspruch in sich ist.

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