Wer die Geschichte deutet, definiert damit die Gegenwart und weist die Richtung für die Zukunft. Frühere Ereignisse sind nie aus sich selbst heraus als bloße Fakten verständlich. Selbst in der Antike schilderte man die Vergangenheit – oder was man von ihr zu wissen glaubte – vor dem Hintergrund waltender Götter. Die Bibel legt davon ebenso Zeugnis ab wie Griechen seit Homer und Herodot.

Wer die Macht hat, die Ursachenzusammenhänge zwischen menschlichem Handeln und göttlichem Willen verbindlich zu interpretieren, errichtete und stabilisierte zugleich ein irdisches Herrschaftssystem. In diesem nahm er als oberster Interpret oder Hohepriester eine prominente Stellung ein.

Im 19. Jahrhundert ersetzten einige die Verzahnung menschlicher Geschichte mit Gottes Willen oder Gnade durch den Glauben an den historischen Materialismus. Dieser stellt den Geschichtsablauf als Teleologie dar, als zwangsläufige Entwicklung hin zu einem historisch notwendigen und darum unabdingbaren Endpunkt (Telos): der klassenlosen Gesellschaft.

Die Geschichtspolitik unserer Tage steht in Deutschland fest im Dienst einer Geschichtsdeutung, in der die Eckpunkte 1933 und 1945 das verbindliche Interpretationsmuster auch für die Gegenwart und die Zukunft darstellen. An sie knüpfen sich heute konkrete Machtansprüche, werden Gebote verkündet und Verbote ausgesprochen.

Die Epoche historischer Deutungshoheit kraft religiöser Geschichtsdarstellung sind seit langem vorbei. Heute haben Sozialwissenschaften die Interpretationsmacht weitgehend monopolisiert. Dazu rechnet in vorderster Front ein Neo-Moralismus. Er sieht sich selbst im Status universeller Letztgültigkeit.

Noch nie in der Geistesgeschichte vermochten Welt- und Geschichtsdeutungen sich ewig zu halten. Sie starben spätestens ab mit dem Abtreten derjenigen sozialen Schichten, die ihren Machtanspruch durch eine bestimmte Interpretation des Geschichtsverlaufs stützten.

Seit zehn Jahren erlebt die Erforschung historischer genetischer Zusammenhänge einen stürmischen Aufschwung. Die Sequenzierung historischer DNA (aDNA) aus Knochenfunde seit der Neandertalerzeit erlaubt uns immer genauere Einblicke in die genetische Tiefenstruktur der Völker. Ganze Regalwände archäologischer und sozialwissenschaftlicher Fachbücher wurden Makulatur, seit feststeht, daß die neolithische Revolution mit ihrer Ausbreitung bäuerlicher Kultur in Europa durch Einwanderer verbreitet wurde und nicht nur durch Kulturübernahme. Lange hatte eine den Multikulturalismus vorwegahnende, soziokulturell gefärbte Geschichtsdeutung vorgeherrscht. Sie besagte, Nachbarn hätten voneinander gelernt und nur bäuerliche Kulturtechniken weitergegeben. Jetzt steht fest: Massive Einwanderungswellen machten von Südosten nach Mitteleuropa auf und sich dort lange breit, bis sie wieder fast vollständig aus dem Genpool verschwanden.

Wikipedia, das Kompendium politisch linker Geschichtsdeutung, veraltete schneller als es jeweils geändert werden konnte, als Genetiker die Ausbreitung der Indogermanen von der heutigen Ukraine und Südrußland bis Irland genetisch nachwiesen. Von ihnen stammen die Europäer in unterschiedlichen Anteilen ab, die Deutschen vorwiegend. Sie verdrängten die neolithischen Bandkeramiker fast vollständig und bilden mit deren Resten und einigen jagenden und sammelnden Ureuropäern seit jetzt etwa 4000 Jahren den Kern der europäischen Stämme und Völker.

Grundkenntnisse sind das für jemanden, der die Publikationen der letzten Jahre regelmäßig verfolgt hat. Die vielen neuen Fakten legen Geschichtdeutungen nahe, die für die herrschende sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Deutungen gravierende Folgen haben können. Dementsprechend versuchte man dort bisher weitgehend, die neue Fakten zu ignorieren und sich dumm zu stellen. Das gelang bisher weitgehend, gelingt aber nicht länger. Durch aufmerksame Leser elektronischer Medien weiterverbreitet, sind heute Tatsachen weithin bekannt, die den Deutungsanspruch linker Sozialwissenschaftler und Historiker im Kern treffen.

Jörg Feuchter hat darüber in der FAZ breit berichtet und den Stand der Auseinandersetzung zusammengefaßt, Es geht heute um die „Konkurrenz um Deutungshoheiten zwischen den ‚zwei Kulturen‘sowohl bei Forschungsförderern wie in den Medien“. Die zwei Wissenschaftskulturen sind traditionell die natur- und die geisteswissenschaftliche. Mit der Genetik ficht die Naturwissenschaft erneut traditionelle Scheingewißheiten an.

Wir wissen heute, daß die indogermanische Besiedlung Europas häufig so vonstatten ging, daß die früheren männlichen genetischen Linien völlig oder fast völlig aus dem Genom der Nachkommen verschwanden, die weiblichen hingegen nicht. Das läßt auf ein Szenario schließen, in dem männliche Einwanderer in kurzer Zeit die Männer der örtlichen Vorbevölkerung erfolgreich daran gehindert haben, ihre Gene weiterzugeben, um dann deren Frauen zu schwängern.

Daß es offenbar vielfach und flächendeckend so gewesen sein dürfte, ist für einen ideologisch auf Multikulturalismus getrimmten Sozialwissenschaftler ein absoluter Alptraum. Für jemanden, der sich selbst für einen Abkömmling eines Verbrechervolkes hält und der gern aussterben möchte, verhielten sich die Männer jener Vorbevölkerungen vielleicht aber auch vorbildlich.

In jedem Fall liegt auf der Hand, daß gewisse historische Deutungsmuster gewisser ideologischer Tonangeber wie über Nacht angreifbar gworden sind. Sie besagen, wenn man alle ins Haus und die Türen läßt, werde sich ein friedliches Miteinander irgendwann von selbst einstellen. Nur aus einem Elfenbeinturm reiner Wissenschaft könnte man die politischen Implikationen der neuen Geschichtserkenntnisse übersehen.

„Anders als etwa die Radiokarbondatierung oder die Isotopenanalyse geht die Genetic History eben fast unwillkürlich mit dem Anspruch einher, unmittelbare Aussagen von großer Reichweite über menschliche Identitäten zu treffen, die immer auch bis in die Gegenwart reichen: Wieviel „Prozent Angelsachsen“ sind unter den Vorfahren der heutigen Briten? In unserem Zeitalter der epistemischen Genetisierung gilt DNA weithin als ein primärer Identitätsträger, ob einzelne Forscher oder auch ganze Fachkulturen das wollen oder nicht. Bezeichnend ist etwa, daß das Erbgut längst den Lebenssaft als biologische Metapher für Identität abgelöst hat. Wo wir früher davon sprachen, etwas „im Blut“ zu haben, sagen wir heute leicht dahin, daß etwas „in unserer DNA steckt“.“

Jörg Feuchter, Die Mischung macht es, FAZ, aktualisiert am 7.12.2019

Die Frage nach der eigenen Identität ist die Schlüsselfrage jeder Geschichtsdeutung. Eine bestimmte Deutung weist den Deutschen heute eine Identität zu, deren Eckpunkte 1933 und 1945 lauten, und darauf stützt sie konkrete Machtansprüche und Aufforderungen, wie wir uns verhalten sollen. Sie besagt nicht nur, was wir zu tun haben, sondern auch, was wir gefälligst zu lassen haben. Ganz oben auf der Verbotsliste stehen Ansichten, die von Geisteswissenschaftlern mit dem Verdikt des Rassismus belegt wurden. Dabei kamen ihnen scheinbar Erkenntnisse der Genetik zustatten, denen zufolge die Vorstellung fest umrissener, voneinander abgrenzbarer Rassen der Biologiegeschichte angehört.

Im Mittelpunkt geisteswissenschaftlicher Bemühungen steht „der Mensch“, worunter man jeden rechnet, der zur Spezies Homo sapiens zählt und darum mit einer unveräußerlichen menschlichen Würde ausgestattet ist. Alle Menschen seien „als Menschen“ gleich.

Gänzlich unbemerkt von den guten Menschen der geisteswissenschaftlichen Fraktion haben ihnen die Naturwissenschaftler von hinten das argumentative Hauptstandbein weggschlagen, nämlich den feststehenden Artbegriff. Nur gemerkt haben das erst wenige. Das Standbein besteht in der Vorstellung, Menschen seien als Menschen von allen anderen Lebewesen fest abgrenzbar. In der Renaissance ersetzte man die christliche Idee der Gottesebenbildlichkeit „des Menschen“ durch die neue Idee „der Würde des Menschen“. Seine Vorzugsstellung gegenüber „den Tieren“ blieb erhalten.

Diese Ideenlehre entspricht strukturell den traditionellen Rassenlehren der Epoche um 1850-1950. Jene gingen von feststehenden Rassen aus, diese von einem feststehenden Artbegriff „Mensch“.

Allerdings führte uns die aDNA-Revolution jüngst auch zu der Erkenntnis, dass sich die Menschenarten entgegen früheren Vermutungen sehr wohl vermischt haben. Deshalb tragen wir „anatomisch modernen“ Menschen meist auch einen geringen Anteil Neandertalergene mit uns. Überhaupt zählt die bisherige, auf morphologische Beobachtungen der Paläoanthropologie gegründete jüngere Artengeschichte des Menschen zu den Bereichen, die durch die genetischen Forschungsergebnisse völlig erschüttert wurden, bis hin zum Artenkonzept selbst.

Jörg Feuchter, Die Mischung macht es, FAZ, aktualisiert am 7.12.2019

Rassen im Sinne genetisch abgrenzbarer Populationen gibt es nicht. Aus demselben Grund gibt es zwischen vielen verschiedenen Tieren keine festen Artgrenzen. Das ist neues, genetisches Wissen der letzten Jahre. Publiziert wird es regelmäßig anhand von Forschungen zu politisch unverdächtigen Kleintieren, irgendwelchen Fruchtfliegen oder Fischchen. Phänotypisch lassen sich verschiedene Arten meistens gut unterscheiden. Viele überlappen sich aber genetisch mit nahe verwandten Arten. Sie haben einen Teil der Erbinformationen mit ihnen gemeinsam und können sich oft auch miteinander vermehren. Daß „gute Arten“ sich miteinander kreuzen lassen, dies sogar auch in der Natur tun und man sich eine „Art“ als einen offenen Genpool vorstellen muß, widerspricht allem, was mir mein Biologielehrer einst erzählt hatte.

Publikumsträchtiger ist da schon, zu lesen, daß sich Eisbären vor der Eiszeit genetisch von den Braunbären getrennt hatten. Gleichwohl wurden in den letzten Jahren mehr und mehr von der schmelzenden Eisscholle gesprungene Weiße dabei erwischt, wie sie mit Braunen lustig Nachwuchs zeugten. Nach dem herkömmlichen Artbegriff dürfte es das gar nicht geben. Die genetischen Schranken sind nicht, wofür man sie einst hielt. Erst ab einer großen genetischen Distanz funktioniert Fortpflanzung nicht mehr.

Das Problem ist ein rein sprachliches. Als Menschen und Wissenschaftler suchen wir immer zu klassifizieren und zu etikettieren, um die Welt zu verstehen. Was unter vielen, und zwar ausschlaggebenden Gesichtspunkten eine Spezies ist, muß das genetisch noch lange nicht eindeutig sein. Die Genetik löst nicht nur die anscheinenden Rassen sondern auch die Arten in ein Konglomerat von Einzelkomponenten auf.

Die tschechische Schul-Wandkarte von 1951 stellte sich den Popo von Neandertalerinnen noch wenig anziehend vor. Waren sie eine eigene Spezies?

Kein Wunder, wenn in den eiszeitlichen Weiten Asiens vor Jahrzehntausenden zwischen uns Menschen, Neandertalern und Denisova-Leuten ein Klima fröhlicher Sexualität geherrscht haben muß. Die beiden sonst als eigene Arten beschriebenen Menschen…. formen? -rassen? …arten? sind genetisch im Homo sapiens aufgegangen. Wenn manche einsamen Männer sich mancherorts selbst in unserer Zeit und bei passender Gelegenheit noch liebevoll ihrer Ziegen annehmen, nimmt nicht Wunder, daß eine stämmige Neandertalerin für einen – aus Afrika? – ausgewanderten Sapiens-Mann zur Not durchaus noch annehmbar war. Von ihnen haben wir Europäer 2-4% der Gene geerbt, vor allem aus dem Bereich des Immunsystems, der Hautstruktur und: der Haare. Manchmal bemerkt man das noch.

Neben dem Artbegriff hat sich inzwischen der Begriff der Genflußgemeinschaft etabliert.

Man kann mit Fug und Recht sagen, daß zwei Arten, die durchaus nicht mehr sehr nahe miteinander verwandt sind, immer noch gelegentlich die Artschranke mißachten und dann miteinander hybridisieren. Und das hat sehr häufig keine üblen oder schadbringenden Konsequenzen. Ein Hybrid hat zur Hälfte die Gene und Merkmale der einen Elternart und zur anderen Hälfte der anderen Elternart, also kann ein Hybrid überhaupt nicht zugeordnet werden. Die Logik sagt, daß es ein artloser Organismus ist oder einer, der zu beiden Arten gleichzeitig gehört. Und das ist schon nicht so einfach lösbar und ist eine große Schwierigkeit des Artkonzeptes der Genflußgemeinschaft.

Werner Kunz, zitiert nach Martin Hubert, manuskript: Über Schubladen, Deutschlandfunk 8.9.2013

Die Vorstellung fester Rassen oder Arten mit konstanten Merkmalen ist biologisch überholt. Sie wurde ersetzt durch die Vorstellung frei flottierender Gene mit gewissen Inseln der “Artbildung” in gewissen Kernbereichen. Bei langer geographischer Isolierung können sich “Rassen” zu “Unterarten” oder “Arten” mit auch phänotypisch unterscheidbaren Merkmalen weiterentwickeln.

Viele Arten, Unterarten und “Rassen” (formae) der Schmetterlinge lassen sich nur durch komplizierte Genitalpräparate oder Genuntersuchungen voneinander abgrenzen.

In den Geisteswissenschaften sind diese Erkenntnisse der Genetik noch nicht angekommen. Man hat dort lediglich begierig aufgenommen, daß es keine genetisch abgrenzbaren Rassen gibt, dann erlahmte der sozialwissenschaftliche Geist. Sein Erkenntnisinteresse hatte sich nur darauf gerichtet, den Begriff der Rassen in allgemeinen Verschiß zu bringen, um daraus konkrete politische Forderungen zu schmieden.

Wenn ein Genetiker aber von Rassen (gibt es nicht) oder Arten (auch fragwürdig) spricht, dann macht er damit eine Aussage über Genetik. Schreibt ein Ethnologe hingegen etwas über Rassen (früher, heute darf er das nicht mehr) oder ein Theologe oder Verfassungsrechtler über “den Menschen” (gibt es!), will er keine Aussage über Genetik machen, sondern eben über Theologie, die Krone der Schöpfung oder die Würde des Menschen.

Und wenn aus einem Kinderliederbuch das Lied „Zehn kleine Negerlein“ gestrichen wird, weil es – genetisch – keine Rassen gebe, läßt das Schlüsse zu auf den volkspädagogischen Zensor und seinen psychischen Zustand, nicht aber darauf, wie Menschen einander anhand bestimmter Merkmale wie einen rot-weißen Fanschal, einer Uniform, eines wohlgeformten Popos oder der Hautfarbe auf den ersten Blick kategorisieren.

Die ethnologische Gliederung der Menschen in Rassen galt 1961 als Standardwissen.
(Gustav Schenk, Der Mensch, Belser-Bücher, 1961 erschienen auch in englischer, amerikanischer und französischer Ausgabe, Seitenausschnitt S.188/189). Der Autor war 1933 Mitglied der KPD und 1936 Leiter der Ortsgruppe Hannover des Bundes Proletarisch-revolutionärer Schriftsteller.