Klaus Kunze

Kategorie: Philosophie Seite 13 von 23

„Querfront von linken Theoretikern und Rechtsradikalen“ ?

Linke und Scheinlinke

Für einen klassischen Linken steht außer Frage, daß Menschen ungleiche Interessen haben und verschiedene Klassen miteinander im Kampf stehen. Wenn eine Menschengruppe andere Interessen hat als eine andere, muß sie sich formieren, um diese wirksam durchzusetzen. Dabei ist Solidarität im Binnenbereich der Gruppe höchst nötig: Kollektives Klasseninteresse rangiert dann vor jedem Einzelinteresse.

Mit diesem tendenziell kollektivistischen Ausgangspunkt ist der liberale Individualismus prinziell unvereinbar. Dem radikalen Individualisten geht „nichts über mich“, wie Max Stirner paradigmatisch formuliert hatte. Damit wurde er zum geistigen Urahnen der Anarchisten, der Autonomen wie auch der ultraliberalen Kapitalisten. Ein radikaler Individualist bezieht sich nur auf sich selbst: „Keine Sache, kein sogenanntes »höchstes Interesse der Menschheit«, keine »heilige Sache« ist wert, daß du ihr dienest, um ihretwillen dich damit befassest; ihren Wert magst du allein darin suchen, ob sie dir um deinetwillen wert ist.“ Weiterlesen

Pfizer und unsere systembedingte Korruption

Wir werden in Geld umgerechnet

Der Kapitalist hat nichts gegen Schönheit. Sie darf aber keine Mehrkosten verursachen. Heldentum – gern – wenn es etwas einbringt. Moral? Jederzeit, vor allem wenn der Beutel dabei klingelt. Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz warnte schon 1979 vor dem rein ökonomischen Wettbewerbsdenken, das ausschließlich von wertblinden, kommerziellen Erwägungen bestimmt ist.[1]

Als Wert werde von der heutigen Mehrheit nur noch empfunden,

„was in der mitleidlosen Konkurrenz erfolgreich und geeignet ist, den Mitmenschen zu überflügeln. Jedes Mittel, das diesem Zwecke dienlich ist, erscheint trügerischerweise als ein Wert in sich. Man kann den vernichtend sich auswirkenden Irrsinn des Utilitarismus als Verwechslung der Mittel mit dem Zweck definieren. […] Wie viele Menschen aber gibt es heute noch, die einen überhaupt noch verstehen, wenn man ihnen erklären will, daß Geld an sich keinen Wert darstellt?“

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Unsere neue Unmündigkeit

So weit sind wir schon gekommen: Im September 2020 aß ich an einer Landstraße in Mittelhessen eine Currywurst. Ein hinzukommender Kunde duzte sich mit dem Inhaber des Wurststandes und erzählte: Die seien „mit 30 Vermummten gekommen und hätten dem einen Hund aus dem Zwinger“ geholt, „diese roten Nazis!“

Ich fragte neugierig nach, was da geschehen sei. Damit war das Gespräch zuende. „Ich rede über so was mit niemandem, den ich nicht kenne. Das ist heutzutage viel zu gefährlich!“

Inzwischen meinen „nach einer Allensbach-Umfrage zwei Drittel der Deutschen, daß man hierzulande aufpassen müsse, was man sagt. Es wird nicht mehr auf die Argumente gezielt, die man gebracht hat, sondern sofort auf die eigene Person, wobei Stichworte ausreichen, um ein extremistisches Weltbild zu unterstellen und hierzu Aussagen bewußt verkürzt werden.“[1] „Das Institut für Demoskopie Allensbach hat in einer repräsentativen Studie den Mut der Deutschen untersucht, sich zu politischen Themen zu äußern. Weiterlesen

Eine Seefahrt, die ist lustig

Das Berliner Narrenschiff

„Die Lage ist hoffnungslos“, soll Konrad Adenauer gesagt haben, „aber nicht ernst.“ Als er 1967 gestorben war, defilierte ich mit meinen Eltern im Chor des Kölner Domes an seinem Sarg entlang. Die Menschenschlange war lang, die Gesichter noch länger und sehr ernst. Alle spürten: Eine Epoche war zuende.

Ein ähnliches Gefühl eines Epochenendes beschleicht dieser Tage viele Bürger. Teile der Gesellschaft haben Narrenschiffe bestiegen und treiben den Rhein oder die Spree abwärts. Wenn ich mal einen flüchtigen Blick auf die Mattscheibe erhasche, wende ich mich peinlich berührt ab. Die Witze des neuen Witzfigurenkabinetts sind schal. Sie sind nicht nur närrisch, sondern oft einfach dumm. Aus ihren Mündern lösen sich Seifenblasen wie bunte Luftballons. Sie klatschen sich selbst dazu Beifall und lachen dazu in die Kamera.

Sebastian Brant, Das Narrenschiff (1499)

Es ist kein Albtraum, sondern ähnelt dem Einmarsch der Hauptdarsteller auf die Bühne in Institutionen, in denen man die Ärmel gewöhnlich hinter dem Rücken zusammenbindet. Weiterlesen

„Der letzte Mann“ – ein Konservativer?

Mit dem Verlust leben

Konservativ zu sein, heißt mit dem Verlustgefühl zu leben. Es verläßt den Konservativen nie.

Er weiß um den Wert des Vergangenen, des Zerstörten, des heute Verleugneten. Er hält seinen Toten die Treue.

Gerade diese Eigenschaften sind es ja, die ihn zu einem Konservativen machen. Er blickt um sich und vergleicht die Welt mit der früheren aus seiner Erinnerung. Manchmal vergleicht er sie auch mit der früheren, um die er nur aus Erzählungen geliebter Menschen weiß: von der guten, alten Zeit, einem goldenen Zeitalter.

Er hatte sich seine heile Welt in seiner Vorstellung so fest gefügt. Die reale Welt seiner Gegenwart gleicht aus seiner Sicht einer chaotischen Trümmerwüste.

Die menschlichen Institutionen und Wertvorstellungen änderten sich in der Neuzeit immer schneller und ließen in jeder Generation wieder Menschen ratlos und verzweifelt zurück, die am Alten, am Vergangenen hingen. Weiterlesen

„Fett und impotent“, oder kehrt der „Krieger“ zurück?

Fett und impotent?

Sterben wir nach und nach aus, weil wir fett und impotent geworden sind? Der Historiker Hellmut Diwald erinnerte an den Wunschdeutschen des Kriegssiegers Winston Churchill:

Wir sind zu der Figur geworden, in die Winston Churchill den Deutschen der Zukunft verwandelt sehen wollte: fett und impotent.

Hellmut Diwald, Deutschland einig Vaterland, Geschichte unserer Gegenwart, 1990, S.99.

So verwandelte man die 1945 überlebenden Deutschen von Kriegern in Verbraucher. Den geistigen Überbau besorgte die angelsächsische Variante des Liberalismus: Die Li­be­ra­­li­sierung aller Lebensbereiche brachte die Auf­lö­­­sung al­ler eigenständigen meta­physi­schen und morali­schen Werte und führ­te zu ei­ner allge­meinen Öko­nomi­sierung des geistigen Le­­bens. Da­mit be­schränkte man sich auf eine „Gei­stesver­fas­sung, die in Pro­­duk­­tion und Kon­sum die zen­tra­len Ka­te­go­rien menschli­chen Da­seins fin­­det.“[1] Bert Brecht sprach aus der Seele: „Erst kommt das Fres­sen, dann die Moral.“ Gerade das Fressen wurde zur alleinigen Moral des Bundesbürgers. Weiterlesen

Abschied vom Absoluten – und dann?

Ist „konservative Revolution“ eine Option?

Seit Jahren flüstert man auf der politischen Rechten „konservative Revolution“. Jene rechtsintellektuelle Strömung entstand vor etwa hundert Jahren und war vor allem eines: eine Idee von Intellektuellen.

Zwar versprühten ihre Schöpfer jahrelang funkelnde Geistesblitze. Schließlich gehörten zu ihnen zeitweilig überragende Köpfe wie Ernst Jünger und Ernst Niekisch. Für eine Massenbewegung taugten deren Ideen aber nicht. Auf der Straße marschierte bald die Masse, und die ist bekanntlich zu geistigen Höhenflügen nicht imstande. Das verdankt sie nicht zuletzt den schweren Stiefeln an den Füßen, die schließlich in Deutschlands Straßen marschierten, während namhafte Rechtsintellektuelle sich vorsichtshalber aus der Schußlinie begaben.

Dennoch haben die Protagonisten der konservativen Revolution (KR) die Gedankenwelt bleibend befruchtet. Für ein praktisch brauchbares politisches Konzept taugt die KR heute so wenig wie damals. Zu fern steht sie der Auffassungsgabe und den tatsächlichen Bedürfnissen der Masse. Weiterlesen

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